Central Kalahari Game Reserve (CKGR)
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Am Parktor erfahren wir, dass die Pisten im Park noch übler als auf der Zufahrt sein werden. Ein sehr sympathisches, langzeitafrikareisendes englisches Pärchen mit einem sehr komplett ausgestatteten Defender hat gerade noch ein weiteres Fahrzeug geborgen. Der Fahrer gibt uns den guten Rat, wann immer wir auf den Parkpisten eine Umleitung sehen, diese zu nutzen, weil die Originaltracks unbefahrbar seien. Wir bunkern noch etwas Trinkwasser und rasen angesichts der vorgeschrittenen Uhrzeit im Rallyetempo zu unserer Camp Site, die noch 80 Kilometer entfernt ist. Das wird Paris – Dakar verdächtig, aber wir enden am traumhaftesten Camp. Wir fahren nicht durch bis zur verstecken Camp Site, sondern stellen uns in deren Zufahrt und haben unvergleichliche 360 Grad Rundumsicht über die Kalahari. Gigantische Wolkenberge lasten über endloser Steppe, das Abendlicht schafft eine Zauberwelt.
Das CKGR ist flächenmäßig größer als Dänemark (ohne Grönland), außer den Büros der Nationalparkverwaltung an den fünf Zufahrtstoren gibt es wahrscheinlich eine Ranger Station ziemlich im Zentrum des Parks und einige wenige Lodges im Nordteil verteilt, ansonsten finden sich hier nur sehr vereinzelte Individualtouristen. Die Lodges nehmen für eine Zeltunterkunft gerne einmal 500 US$ und weit mehr pro Person für eine Übernachtung. Allerdings sollte man wissen, dass auch wir Individualtouristen pro Person ca. 50 US$ pro Campnacht bezahlen, dazu kommen die Eintrittsgebühren für den Park.
Botswana setzt eindeutig auf Hochpreistourismus. In allen Schutzgebieten liegen die Lodgeübernachtungen zwischen 500 und über 1300 US$ pro Nacht und Person und auch die Campsites liegen bei 40 bis 60 US$ pro Nacht und Person. Die Infrastruktur der Campsites bietet oft ein Loch im Boden mit Sitzgelegenheit als Toilette und einen Haken mit Eimer (das Wasser muss man selbst mitbringen) als Dusche. Im Norden werden häufiger richtige Dusch- und Toilettengebäude in unterschiedlichen Erhaltungszuständen angeboten. Deutlich bevorzugt Botswana den teuren Pauschaltourismus gegenüber den Individualreisenden wie wir es sind, wobei sich diese Schwerpunktsetzung keineswegs in der Interaktion mit Naturschutzpersonal, Guides der Lodges, die auch Individualreisende mit Tipps über Tiersichtungen versorgen, oder anderen Bürgern manifestiert.
Tina und ich greifen gerne auf Angebote der örtlichen Communities und deren angegliederte Conservancies zurück. Hier fließt unser Geld direkt an die vor Ort lebenden Menschen und nicht in die Taschen internationaler Investoren oder Großanbieter wie Wilderness Safaris, die oft eifersüchtig über ihre Konzessionsgebiete wachen. Dies ist besonders im Kerngebiet des Okawango und im Nordwesten des Kaoko Veldes zu bemerken. Meines Wissens geht der Community Gedanke auf das „Camp Fire Projekt“ von Garth Owen Smith im Zimbabwe der Vor-Mugabe-Zeit zurück und wird in Namibia und Botswana zunehmend übernommen.
Große ebene, aktuell mit dichtem Gras bestandene Salzpfannen, Parklandschaften mit kleinen Wäldern, einzelnen Bäumen, Büschen und Grasflächen und große Buschfelder, vielfach mit undurchdringlichen Hakenbüschen, charakterisieren die Landschaft im CKGR unter einem sich ins unendliche dehnenden Himmel, den manchmal mächtige Wolkengebirge nieder zu drücken scheinen. Wenn die Wolkengebirge dann doch einmal den Horizont berühren, könnte man meinem auf sich aus der Steppe erhebende Schneeberge zu schauen.
Der Tag der Giraffen
Am nächsten Tag schaukeln wir gemütlich in Richtung unserer nächsten Camp Site an der „Sunday Pan“. Wie der Vortag bereits erahnen ließ, wird dies zur Reise durch den Garten Eden. Oryx- und Springbockherden in selten erlebter Größe ziehen vertraut über die Steppe. Wir beobachten übermütige Lebensfreude, die Springböcke zeigen ihre namensgebenden Sprungeinlagen und passend zur Jahreszeit sehen wir viele Jungtiere. Etwas erschreckend mag die Tatsache sein, dass Oryx-Kälber bereits mit Hörnern geboren werden. Wir können einen weißköpfigen Adler beobachten, der sich mit seiner Beute in einem Baum niederlässt. Fleckflughühner, Frankoline, Gackeltrappen, Perlhühner und natürlich Riesentrappen sind weitere erkennbare Vertreter der Vogelwelt. Gackeltrappen verursachen Geräusche, die jeden Autofahrer erst einmal entsetzt über diverse Fahrzeugschäden nachdenken lassen, denn sie klingen nach Scheppern, Krachen, Schleifen wie ein ramponiertes, altersschwaches Automobil.
Natürlich sind die Erdhörnchen, oder besser Borstenhörnchen, wie sie hier genannt werden, auch wieder mit von der Partie, ihre Jungen toben vorwitzig herum. Alle Tiere scheinen die reichliche Feuchtigkeit sehr zu genießen und für unsere unprofessionellen Augen stehen auch alle sehr gut im Futter, was natürlich bei den satten Gras- und Blätterangeboten auch nicht verwundert.
Dreimal treffen wir auf Game Drives aus den o.a. Lodges, unser Auto erregt immer Aufsehen bei den Reisenden und liegt da nicht manchmal ein bisschen Neid auf unsere Unabhängigkeit im Blick?
Aber Freiheit heißt auch Risiken und Mühen, wie der Verlauf des Tages zeigen wird:
Wir fahren an die Deception Pan – die Pfanne der Täuschung – und stoßen auf die größte Giraffenpopulation, die wir je gesehen haben. Mindestes 20 der majestätischen Tiere stehen am gegenüberliegenden Rand der Pfanne. Da wollen wir hin! Aufgrund der erkennbar feuchten Stellen am Pfannentand fahren wir schon recht vorsichtig. Bei der Umfahrung führt unsere Pad an eine Lehmstelle, ca. 20 – 25 Meter lang. Ich schalte das Untersetzungsgetriebe ein, lege beide Differentialsperren fest und fahre los. Nach zwei Dritteln der Pfütze ist Schluss, wir stecken fest: Aus den stark profilierten MT-Reifen sind Slicks geworden. Vor- und Zurückschaukeln führt zu Vertiefung der Radumgebungen, allerdings graben sich Autos im Matsch im Gegensatz zum Tiefsand bei Befreiungsversuchen mit den Rädern nicht ein. Okay, weit und breit kein Strauch, der eine Windenbergung unseres Viertonners aushalten würde, nur sehr neugierige Giraffen, die sich aber nicht als Zugtiere anbieten. Also ein bisschen Schaufeln, um die Fahrspuren zu glätten und die Kuhlen um die Räder zu nivellieren, wir sitzen ja eh zu viel. Aber der Matsch erweist sich zäh wie fertig gemischter Zement, so schwer, dass ich keine halbvolle Schaufel heben kann und der Matsch verbindet sich sogleich mit dem Werkzeug, sodass wir nach jeder Schüppe das Blatt mit einem weiteren Werkzeug freikratzen müssen. Das machen wir während der Mittagshitze in der prallen Sonne. Hut und langes Hemd beim Schaufeln – no way! Wir trotzen dem Schlamm einen halben Meter ab, ich bin bereits Kandidat für das Sauerstoffzelt während Tina weiterschaufelt. Ich, als der erfahrenere Fahrer, habe das Privileg, hin und wieder zu versuchen, ob wir uns nun freifahren können, während Tina unermüdlich die Schaufel schwingt.
Nach einiger Zeit regt Tina an, die Tred Boards (Weiterentwicklung der bekannten „Luftlandebleche“) zu benutzen – eigensinnig bin ich der Meinung, es muss ohne gehen. (Wenn die Dinger mal verdreckt sind….) Irgendwann, viel später und um vieles erschöpfter, tue ich endlich, was meine Frau sagt. Tred Boards an die Reifen gelegt, nicht mal drunter, nur dran, und Gas gegeben. Das grobe Profil der Mud Terrain Reifen verzahnt sich – trotz der Matschfüllung – mit den Spikes der Boards und es wuchtet Nyati aus den Kuhlen und aus dem Sumpf – Geil! Und neben der Bestätigung: „Use what you have“, siehe oben, eine Abwandlung aus dem zweiten Indiana Jones Film: „Hör auf Tina, dann schaufelst Du weniger“. Und ich hätte mir sicher auch einen leichten Sonnenstich erspart. Am Abend gab es eine Dusche ohne Wasserbegrenzung😉
Die Tred Boards konnte ich am nächsten Tag, als der Zement getrocknet war, mit dem Hammer befreien, teilweise habe ich drei Tage später noch Zementsteine aus Nyatis Felgen und vom Unterboden geklopft.
Giraffenfotos haben wir an diesem Tag nicht mehr gemacht, aber die Giraffen hatten einen sehr unterhaltsamen Nachmittag, ich denke, die amüsieren sich in Jahren noch über die doofen Schneeschieber (Afrikaanerausdruck für Europäer), die in der Mittagshitze buddeln.
Unsere restliche Zeit im CKGR brachte uns noch herrliche Blicke über die Sunday Pan, Kuhantilope und avisierte Wildhunde, die wir aber leiden nicht identifizieren konnten. Und eine weitere Lehre: Wir hätten viel mehr Zeit für das CKGR einplanen sollen!
Alles ist jetzt
👍lg Udo